Märchenprojekt FSP 2018/19

Mit Märchen werden wir groß, Märchen begleiten uns…Wie sind sie “gebaut”, damit sie uns anrühren, wie wird aus einer Idee eine fertige Geschichte….Diesen Fragen ging in diesem Schuljahr im Fach Kinder- und Jugendliteratur die Klassse FSP 1.1 nach.  Auf Basis der “Heldenreise”, nach dem so viele Märchen “gestrickt sind”, entstanden mehr als 20 Texte. Wir dokumentieren hier die gemeinsame Arbeit und präsentieren eine Auswahl der geschriebenen Märchen.

Christian Pocher

Alexandra Lamkadmi : Mokatele und Srirati (....auf der Suche nach der Schwester...)

Wieder ein Montagmorgen.

Mokatele ein kleines, hübsches Mädchen liegt in ihrem kuscheligen Bett und hört die Vögel zwitschern. Die Bettdecke über den Kopf gezogen wünscht sie sich, dass es noch nicht soweit ist aufstehen zu müssen. Um doch mal nachzusehen, ob es doch schon hell genug ist, blinzelt sie mit einem Auge unter der Bettdecke hervor. Ein Sonnenstrahl scheint direkt in ihr Auge und gibt Mokatele zu verstehen, dass es Zeit ist aufzustehen. Zaghaft klopft es an ihrer Zimmertür. „Mokatele. Zeit aufzustehen“ , spricht die Mutter mit sanfter Stimme. „Jahaa. Ich steh` ja schon auf“, sagt Mokatele mit genervter Stimme. Insgeheim wünscht sie sich, dass sie eines Tagesvergessen wird, sie eines Tages die Vögel nicht mehr zwitschern hört und die Mutter nicht mehr an ihrer Tür klopft um sie zu wecken.

Mokatele setzt sich in ihrem Bett auf und streckt ihre Arme ausgiebig in die Höhe und klettert die Leiter von ihrem Hochbett runter. Sie geht ans Fenster und schiebt den gelben Vorhang zu Seite und öffnet das Fenster. Die Arme auf die Fensterbank und den Kopf gestützt in ihren Händen schaut Mokatele in den meeresblauen Himmel. „Guten Morgen kleine Schwester. Wie geht es dir?“, fragt sie ihre Schwester Srirati. Mokatele wünscht sich nichts sehnlicher als bei ihrer Schwester zu sein. Jeden Morgen, nachdem sie ihre Schwester hat , wie es ihr geht, schwebt eine wunderschöne blau schimmernde Feder vom Himmel herab. Genau auf Mokatele`s Nase. Mokatele nimmt die Feder von ihrer Nase und legt sie in eine kleine Schachtel- In dieser Schachtel sind ganz viele Erinnerungen von ihrer Schwester. Manchmal, wenn Mokatele sehr traurig ist, schaut sie sich die Bilder an, die ihre Schwester für sie gemalt hat. Immer, wenn Srirati ein Bild fertig gemalt hat, gab sie es ihr und sagte: „Hier für dich, meine Schwester. Hebe sie gut auf. Später brauchst du sie vielleicht.“ Was sie damit genau meinte, weiß Mokatele bis heute nicht. Sie hat alle ihre Bilder aufgehoben. Auch die, wo man wirklich nichts erkennen konnte, was sie da gemalt hat. Auch Fotos, wo sie zusammen am Strand sind oder im Sandkasten gemeinsam spielen sieht sich Mokatele an. Meistens ist es aber so, dass sie vor lauter Traurigkeit anfängt zu weinen und ihre Tränen fangen an zu kullern. Dann legt sie schnell die Fotos in die Schachtel zurück und stellt sie an ihren Platz.

 

Aber an diesem Morgen geschieht etwas seltsames. Als Mokatele die blau schimmernde Feder in die Schachtel legt, bemerkt sie das etwas fehlt.

Ein Bild.

Ein selbstgemaltes Bild von ihrer Schwester Srirati. Auf dem Bild hat sie Mama, Papa, Mokatele und sich selbst gemalt, wo sie in einem Park stehen zwischen großen, blühenden Bäumen und blau schimmernden Vögeln. Es ist das Lieblingsbild von Mokatele und nun ist es verschwunden. Um das Bild gedanklich einzufangen und in der Hoffnung dieses Bild wieder zu finden, rennt Mokatele im Schlafanzug aus dem Haus und zu dem Park. Dort angekommen passiert etwas noch seltsameres. Mokatele hat das Gefühl, dass sich der Park um sie herumdreht und ihr schwindelig wird. Immer schneller und schneller dreht sich der park um sie herum bis Mokatele erschöpft auf den Boden knallt.

Stille…Mokatele öffnet ihre Augen, setzt sich auf und blickt um sich herum. Es sieht genauso aus, wie auf dem Bild was ihre kleine Schwester gemalt hat. Die großen Bäume, das Gezwitscher der blau schimmernden Vögel. Es ist wunderschön. Mokatele steht auf, schließt die Augen und atmet tief ein und aus und denkt, wie schön es doch wäre, wenn ihre Schwester da wäre. Mokatele öffnet ihre Augen und sieht am See ein Mädchen sitzen in einem rosa Kleid. „So eines hat Srirati immer angehabt, wenn sie zum Park gegangen sind“, denkt sich Mokatele. Langsam geht sie auf das Mädchen zu, die kleine Kieselsteine in den See wirft. Ihr langes schwarzes Haar weht sanft hin und her und das Mädchen bemerkt Mokatele. Dreht ihren Kopf mit glänzenden Augen und einen großem Lächeln und sagt: „Schwester, ich habe dich vermisst. Ich vermisse dich.“ Mokatele geht nun schneller auf sie zu und umarmt ihre kleine Schwester ganz fest.

„Mokatele. Mokateleee!!“ Mokatele riess die Augen auf und erschreckt sich, als sie die Stimme des Vaters hört. Sie blickt um sich und bemerkt, dass sie in ihrem Zimmer auf dem Boden sitzt. Die Schachtel liegt vor ihr und sie sieht das Bild von Mama, Papa, Mokatele und Srirati. Leise und erleichtert flüstert Mokatele: „Da ist es wieder.“ Schnell umgezogen rennt sie Treppen hinunter zur Haustür wo ihr Vater schon ungeduldig auf sie wartet. Seit dem Tod ihrer Schwester fähr ihr Vater sie jeden Morgen in die Schule. Zur Sicherheit meint er. Im Auto fragt ihr Vater sie grimmig: „Hast du wieder in deiner Schachtel gekramt und geträumt? Das muss aufhören!“ „Ich habe nicht geträumt. Ich suche nach Antworten. Und ich werde herausfinden was wirklich an dem Tag passiert ist, an dem Srirati gestorben ist!“, schreit Mokatele ihren Vater an. Der Vater bremst, Mokatele steigt aus und knallt die Beifahrertür zu. Das Verhältnis zu ihrem Vater ist nicht mehr so wie es vor dem Tod ihrer Schwester war. An dem Abend, als der Vater erzählt das Srirati seine Hand losließ und sie einfach auf die Straße rannte und ein Auto sie überfahren hat, war Mokatel sehr traurig geworden und sie sah in den Augen ihres Vaters die Unwahrheit sagen. Ab diesem Zeitpunkt beschuldigte Mokatele ihn und machte ihm deutlich, dass sie weiß das er lügt und sie es beweisen wird.

Nach der Schule läuft Mokatele nach Hause. Unterwegs sieht sie von weitem etwas blau schimmerndes auf dem Weg. Mokatele läuft schneller und schneller darauf zu.

Eine Feder.

„Ein Zeichen von ihrer Schwester?“, grübelt sie. Mokatele schaut sich um. In der Nähe, wenn man die Straße überquert ist ein Spielplatz. Noch schneller wie zuvor ras Mokatele nach Hause. Ungeduldig klingelt sie an der Haustür. Die Mutter öffnet die Tür. Hallo, mein Schatz. Wie war…“, mehr konnte die Mutter nicht sagen, da Mokatele an der Mutter vorbei rennt und die Treppen hinauf läuft. In ihrem Zimmer angekommen, wirft sie ihren Rucksack in die Ecke und schließt ihre Zimmertür von innen ab. Ein paar mal ein- und ausgeatmet holt Mokatele ihre Schachtel. Sie öffnet sie und sucht. Ohne zu wissen was sie sucht, sucht sie doch etwas Bestimmtes. Tief unter den ganzen Stapel Bilder fühlt Mokatele ein Papierstück was sich anfühlt, als wäre das Papier mehrfach gefaltet worden. So klein, wie die Größe eines Würfels. Das Papier in der Hand, bekommt Mokatele ein mulmiges Gefühl. Es ist Angst. Sie hat Angst das Papier auseinanderzufalten. Innerlich, weiß sie das sie etwas sehen wird, das ihr Angst macht. Mokatele setzt sich gerade und selbstbewusst in den Schneidersitz und sagt: „Ich weiß. Du zeigst mir die Antwort auf mein Frage. Ich möchte sie sehen.“ Mokatele faltet das Papier langsam und bedacht Stück für Stück auf bis zur vollen Größe. Auf dem Bild ist eine große, gelbe , strahlende Sonne gemalt. Ein wunderschöner Baum mit einer grünen, dichten Krone. Auf einem Ast sitzt ein blau schimmernder Vogel. Eine Träne rollt über Mokatele`s Backe. In der Mitte des Bildes ist ein Spielplatz. Ein fröhliches kleines Mädchen im rosa Kleid sitzt im Sandkasten mit einem Eimer und einer Schaufel in der Hand und spielt. „Srirati“, flüstert Mokatele und eine weitere Träne rollt über ihr Gesicht. An der Seite vom Bild sitzt ein Mann auf der Bank. Die Arme verschränkt und den Kopf gesenkt, sitzt der Mann regungslos auf dieser Bank. „Papa? Er sagte doch, Srirati hat sich von seiner Hand losgerissen und ist über die Straße gelaufen?“, dachte Mokatele. Alle glaubten ihm, denn Kinder machen das ja hin und wieder. Alle hatten volles Verständnis und Mitgefühl für ihn.

Plötzlich, fängt der Boden unter Mokateles Füssen an zu zittern und zu beben. Es wurde aufeinmal so laut, dass sich Mokatele die Hände auf ihre Ohren legt und die Augen schließt. Es dreht sich alles um sie herum. Schneller und immer schneller bis es plötzlich still wird und Mokatele die Hände von den Ohren nimmt und langsam die Augen öffnet. Mokatele schaut um sich. Die Strahlen der Sonne wärmen ihren Körper. Sie hört einen Vogel zwitschern. Mokatele sucht ihn mit ihren Augen und entdeckt ihn sitzend auf einem Ast. Ein wunderschöner blau schimmernder Vogel. Ihre Augen suchen weiter nach ihrer Schwester. Sie sieht sie im Sandkasten mit ihrem Eimer und ihrer Schaufel. „Schwester. Srirati!“, rief Mokatele ihr zu aber diesesmal bekommt sie keine Antwort. Mokatele schaut sich weiter um und entdeckt ihren Vater sitzend auf der Bank. Er trinkt aus eine Flasche und versteckt sie unter der Bank und schläft ein. Mit weit geöffneten Augen starrt Mokatele ihren Vater an und begreift nun auch warum er nächtelang nicht nach Hause kommt. Sie wird wütend, doch ein schrilles Lachen reißt sie aus ihrer Gefühlswelt und sieht ihre Schwester an. Mokatele sieht, wie Srirati aufsteht und Richtung Straße läuft. Abwechselnd zu ihrem Vater schauend und zur Srirati schreit Mokatele:“Papa, Papaaa!! Sriratiiii!! Papa wach auf!!“ Niemand hört sie. Sie versucht hinter ihrer Schwester herzulaufen aber Mokatele kommt nicht voran. Ihr Körper ist wie aus Stein und sie sieht nur noch, wie Srirati die Straße überquert und dann ein Auto.

Ein Knall.

In Tränen aufgelöst sitzt Mokatele im Schneidersitz mit dem Bild in den Händen in ihrem Zimmer. Mit voller Wut rennt sie aus dem Zimmer hinunter und schreitet in das Esszimmer, wo ihre Mutter und ihr Vater um den Tisch sitzen und auf Mokatele warren um zu essen. „Ich habe den Beweis, dass DU Schuld bist an Srirati`s Tod. Ich wusste es. Und du bekommst eine gerechte Strafe dafür. Hier! Erinnerst du dich?!“ Mokatele gibt ihrem Vater das letzte Bild und er beginnt zu weinen. „Ja. Ja Ich habe gelogen. Ich habe getrunken und bin eingeschlafen. Ich hätte besser auf deine Schwester aufpassen sollen. Es tut mir leid.“ Die Mutter sackt in ihrem Stuhl zusammen und fängt an zu weinen. „Du wirst zur Polizei gehen und Verantwortung über dein Handeln übernehmen.“, sagt die Mutter mit zitternder Stimme. „Ja, werde ich tun.“ Bestätigt der Vater.

Mokatele nimmt das Bild wieder an sich und geht zurück in ihr Zimmer. Sie legt das Bild in die Schachtel, küsst sie und stellt sie an ihren Platz. Mokatele geht zum Fenster, schiebt den gelben Vorhang zur Seite und öffnet das Fenster. Ein blau schimmernder Vogel fliegt vorbei. Eine schöne Brise frische Luft atmet Mokatele tief durch ihre Nase ein. Mokatele schaut in den Himmel und sagt leise: „Jetzt sind wir frei, liebe Schwester.“

Mareike Weber: Der tapfere Juri (wie ein kleiner Junge sich gegen eine unheimliche Bedrohung wehrt...)

Es war einmal vor vielen Monden ein Junge, der hieß Juri. Er lebte mit seiner Großmutter und seinen drei kleinen Schwestern in einer armseligen Hütte in einem Dorf im hohen Norden. Das Leben war hart, denn sie lebten nur von dem, was der Verkauf ihrer selbstgebundenen Körbe einbrachte. Oft mussten sie Hunger leiden. Trotzdem ging es den Kindern gut, denn die Großmutter war eine gütige und weise Frau.
Vor ein paar Jahren war Juris Welt noch in Ordnung gewesen. Sein Vater war ein hochangesehener Korbflechter gewesen und seine Mutter eine geschickte Verkäuferin. Doch dann traf die Familie das Unglück.
Auf dem Dorf lastete seit Jahrhunderten ein Fluch. Jedes Jahr starben zur Wintersonnenwende alle erwachsenen Bewohner eines Hauses durch eine wundersame Krankheit. Drei Nächte vor diesem verhängnisvollen Tag erschien mit tödlicher Gewissheit ein Schwarm Raben am Himmel und ließ sich auf dem Giebel des Hauses der Todgeweihten nieder.
Vor fünf Jahren hatte dieser Schwarm auf dem Dach von Juris Familie Platz genommen. Juri erinnerte sich noch daran, wie er und seine Eltern von einem Marktbesuch zurückgekommen waren und ihr Blick auf den First des Hauses gefallen war. Noch heute spürte er den Schrecken, den diese schwarz gefiederten Unglücksboten in ihm ausgelöst hatten. Damals waren seine Eltern schon bald in einen fieberhaften Schlaf gefallen, von dem sie nicht mehr erwacht waren. Zum Glück lebte Juris Großmutter in einer kleinen Hütte in der Nähe und hatte die unglücklichen Waisenkinder bei sich aufgenommen.
Liebevoll hatte sich in den letzten Jahren die Großmutter um die Kinder gekümmert und sie war ihnen so sehr ans Herz gewachsen, dass sie nicht mehr ohne sie leben konnten.
Drei Tage vor der nächsten Wintersonnenwende war das Dorf in Aufruhr. Voller Furcht starrten die Dorfbewohner auf die Dächer ihrer Häuser. Tatsächlich erschienen die Todesboten am Himmel. Sie kreisten eine Weile über den Häusern und ließen sich schließlich krächzend auf dem Dach der Hütte von Juris Großmutter nieder.
Ihr Schicksal war besiegelt. Binnen drei Tagen würde die Großmutter tot sein. Der Schreck fuhr Juri in alle Glieder. Ihm schwindelte. Im Moment seiner größten Verzweiflung jedoch hörte er ein leises Wispern aus dem Baum zu seiner Rechten. Überrascht sah er sich um und erblickte ein Eichhörnchen zwischen den Zweigen, das ihn unverwandt anschaute. Zur seiner Überraschung konnte er die Stimme des kleinen Tieres deutlich in seinem Kopf vernehmen. “Hilfe und Rat will ich dir geben. Um die Großmutter zu retten, erwecke die Hilfe in der Höhle im Teufelsberg! Geh, die Zeit, die Zeit!”
Ungläubig näherte sich Juri dem Baum. Das Eichhörnchen war jedoch wie vom Erdboden verschluckt. Statt seiner fand Juri in der Astgabel eine Taschenuhr, die genauso aussah wie die, die sein Vater stets getragen hatte. Nun wusste Juri, was er zu tun hatte. Er steckte die Uhr ein, verabschiedete sich von seiner verzweifelten Familie und machte sich auf den Weg ins Höllengebirge.
Juri war noch nicht weit gegangen, als er in einen dunklen Kiefernwald trat. Die Bäume schienen ihm den Weg verstellen zu wollen. Die Zweige zerrten an seiner Kleidung, als wären sie lebendig. Doch Juri konnte dies nicht zurückhalten, denn es war sein sehnlichster Wunsch, seine Großmutter zu retten. Mit einem Mal versperrte ihm ein riesiger Wolf den Weg. Er riss sein mordlüsternes Maul auf und machte Anstalten über Juri herzufallen. Voll Schrecken ergriff der Junge den untersten Ast einer nahestehenden Eiche und zog sich hinauf. Der Ast jedoch war dünn und würde ihn nicht lange halten. Unten lauerte die Bestie. Schon glaubte Juri, sein letztes Stündlein hätte geschlagen, da hörte er ein Stimmchen neben sich. Es war eine Schneeeule, die deutlich zu ihm sprach: “Dreh nur am Rad der Uhr, dreh nur!” Verzweifelt kramte Juri die Taschenuhr hervor und bewegt ihr Stellrad vor und zurück. Wie durch Zauberei war der Wolf verschwunden. Stattdessen stob krächzend eine Schar Raben davon. Erleichtert drehte sich der Knabe zu der Eule um, fand den Platz aber leer. Nein, nicht ganz. Was lag dort in der Astgabel? Juri kroch vorsichtig zum Stamm des Baumes und entdeckte den goldenen Armreif, den seine Mutter so gern getragen hatte. Er steckte das Schmuckstück ein und dankte in Gedanken seiner lieben Mutter, die ihn aus dieser verzweifelten Lage gerettet hatte.
Nun führte ihn sein Weg bergan. Immer steiler wurde der Weg, immer gefährlicher. Bis in schwindelnde Höhen hatte er sich gekämpft. Nun stand er wenige Meter vor dem Eingang der Teufelshöhle. Nur noch ein letztes Hindernis galt es zu überwinden. Ein schmaler Steg führte über einen Abgrund so tief, dass er das Sonnenlicht selbst verschluckte.
Juri konnte sich kaum auf den Beinen halten, so stark zitterten sie. Sein Herz raste. Dieser Abgrund hätte selbst dem Mutigsten den Schneid abgekauft und Juri war das beileibe nicht. Was würde passieren, wenn er vom Steg herunterfiele? Angst lähmte seinen Körper. Doch dann erschien das Bild seiner gütigen Großmutter vor ihm und er fasste sich ein Herz und wagte den ersten Schritt auf die gefährliche Querung. Vorsichtig arbeitete er sich voran. Schon war er bis zur Mitte gekommen, als plötzlich ein großer Schwarm Raben auf ihn losstürzte, um ihn von der Planke zu stoßen. Unter dem Ansturm der scharfen Schnäbel und Krallen, kauerte sich Juri furchtsam zu Boden. Wie sollte er so die andere Seite erreichen? Ihn verließ der Mut und gerade wollte er aufgeben, als sein Blick auf die gegenüberliegende Seite fiel. In einem Ring aus Licht standen dort zwei Gestalten. Er erkannte die feinen Züge seiner Mutter und die kraftvolle Erscheinung seines Vaters. Sie winkten ihm zu und er meinte sie rufen zu hören: “Gib nicht auf, Sohn! Denk an das Ziel, das Ziel! Erwecke das Gute, die Hilfe, die Rettung!”
Neue Kraft erfüllte Juri. Wie eine Welle breitete sie sich in seinem Körper aus. Er wagte es aufzustehen, machte sich ganz groß und schrie den Raben entgegen: “Verschwindet, ich habe keine Angst vor euch! Ihr werdet mich nicht aufhalten können!” Erschrocken ließen die Vögel von ihm ab und Juri erreichte die andere Seite. An der Stelle an der seine Eltern bis eben noch gestanden hatten, fand der Junge eine Rose mit zwei Blüten auf den Steinen liegen. Unter Tränen steckte er sie ein, denn er vermisste seine Eltern sehr. Nun blieb ihm nur noch der Weg in die Höhle. Er betrat einen Ort, den noch nie ein Mensch gesehen hatte. Im dämmrigen Licht des zu Ende gehenden Tages erkannte er an der hinteren Wand zwei mächtige Steinbilder. Es war ein Adlerpaar. Vor ihnen im Stein waren drei Löcher, gerade groß genug, um etwas hineinzulegen. Kurzerhand nahm Juri die Dinge, die er gefunden hatte, die Uhr, den Armreif und die Rose, und legte sie sorgsam in die Aussparungen.
Ein Dröhnen erfüllte die Höhle, als die steinerne Hülle der mächtigen Tier nach und nach abplatze und ein wahrhaftiges Adlerpaar zum Vorschein kam. Sie breiteten ihre gewaltigen Schwingen aus und trugen den sprachlosen Jungen weit durch die Lüfte bis zu seinem Heimatdorf. Dort setzten sie Juri vor der alten Hütte seiner Großmutter ab. Doch nicht genug damit, sie stürzten sich auch noch auf die schwarzen Todesboten und vertrieben sie.
Die Raben kehrten nie wieder in das Dorf zurück. Juris Großmutter lebte noch lange glücklich und zufrieden mit ihren Enkelkindern in der kleinen Hütte. Die Adler ließen sich in der Nähe des Dorfes in einer mächtigen Buche nieder und Juri sah regelmäßig nach ihnen, um sicherzugehen, dass es ihnen an nichts fehlte.